Wer heute in Deutschland einen Juwelier oder eine Goldschmiedin sucht, sucht oft lange. Nicht weil die Betriebe nicht wollen. Sondern weil der Nachwuchs schlicht nicht da ist.
2010 wurden in Deutschland noch 815 Goldschmied-Ausbildungsverträge abgeschlossen. Heute sind es noch knapp 450. Mehr als die Hälfte ist verschwunden — nicht in einem einzigen Einbruch, sondern in einem stillen, stetigen Schwund über mehr als ein Jahrzehnt. Parallel dazu schliessen Werkstätten, bleiben Berufsschulen mit zu wenigen Lehrern, und die Betriebe kämpfen um ein knapper werdendes Gut: Menschen, die wissen, was sie tun.
Warum der Nachwuchs ausbleibt
Es ist kein Geheimnis, und doch wird es zu selten offen gesagt: Die Schmuck- und Uhrenbranche verliert den Wettbewerb um junge Menschen. Nicht weil der Beruf unattraktiv wäre — sondern weil er zu wenig sichtbar ist.
Wer mit 16 oder 17 Jahren entscheidet, was er lernen will, kennt Goldschmied kaum als Option. Die Ausbildung dauert dreieinhalb Jahre, der Einstiegslohn ist überschaubar, und der Beruf taucht in keiner Kampagne auf, die junge Menschen wirklich erreicht. Gleichzeitig wirbt jede andere Branche aggressiver um denselben Nachwuchs.
Hinzu kommt die Demografie. Erfahrene Fachkräfte gehen in Rente — und wer sie ersetzen soll, ist noch nicht ausgebildet. Dieser Effekt trifft die Branche gerade mit voller Wucht: nicht als kurzfristiges Problem, sondern als strukturelle Verschiebung, die sich in den nächsten Jahren weiter verschärfen wird.
Was die Branche unternimmt
Die Verbände haben reagiert. Seit August 2025 gibt es den modernisierten Ausbildungsberuf Gold- und Silberschmied, in dem die bisherigen Berufsbilder Goldschmied und Silberschmied zusammengeführt wurden. Digitalisierung, neue Fertigungstechniken, Nachhaltigkeit — das neue Berufsbild ist zeitgemässer, breiter, anschlussfähiger.
Und seit Juni 2026 gibt es das branchenweite Basisseminar «Schmuck, Edelsteine, Uhren», das der BVJ gemeinsam mit BVSU und Deutscher Gemmologischer Gesellschaft ins Leben gerufen hat. Es richtet sich an Quer- und Neueinsteiger im Verkauf — Menschen, die vielleicht aus dem Einzelhandel kommen, aus der Gastronomie, aus einem ganz anderen Bereich. Das Ziel: branchenfremde Kräfte kompakt an die wesentlichen Produktbereiche heranzuführen und für die Beratung fit zu machen.
Das ist kein Ersatz für eine vollständige Ausbildung. Aber es ist ein pragmatischer Schritt in einer Situation, in der Pragmatismus mehr hilft als Idealismus.
Was das für den Betrieb bedeutet
Für inhabergeführte Juweliere und Goldschmiede ist der Personalmangel kein abstraktes Branchenthema. Er entscheidet darüber, ob die Öffnungszeiten gehalten werden können. Ob Reparaturen rechtzeitig fertig werden. Ob das Beratungsgespräch von jemandem geführt wird, der die Ware wirklich kennt — oder von jemandem, der gerade erst eingearbeitet wird.
Burger, einer der grossen Edelmetallspezialisten der Branche, macht das Thema Nachwuchs und Nachfolge am 28. Juni 2026 zum Schwerpunkt seines Branchentreffs in Keltern. Auf dem Podium sitzen Goldschmiedemeister, Verbandspräsidenten und Filialinhaber. Die Frage, die sie beschäftigt, ist dieselbe, die viele kleinere Betriebe täglich beschäftigt: Wie findet man motivierte Menschen — und wie hält man sie?
Eine Antwort darauf ist: indem man ihnen einen Betrieb bietet, in dem Arbeit Sinn ergibt. Strukturiert, digital, effizient. Wo Kundenwünsche nicht auf Zetteln stehen, sondern abrufbar sind. Wo der Arbeitsalltag nicht von Verwaltungsaufwand dominiert wird, sondern von dem, wofür man eigentlich in diesen Beruf gegangen ist.
Der Fachkräftemangel lässt sich nicht wegdiskutieren. Aber Betriebe, die gut organisiert sind, haben im Wettbewerb um gute Menschen einen echten Vorteil.